
Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem in Frankfurt lebenden Künstler und langjährigen Städel-Professor Thomas Bayrle vom 12. Februar bis 10. Mai 2026 eine große Einzelausstellung mit über fünfzig Werken aus den vergangenen zwanzig Jahren. Seit den späten 1960er-Jahren setzt Bayrle seine Arbeiten aus kleinen Einzelteilen – seinen sogenannten „Individuen“ – zu großen „Kollektiven“, den charakteristischen Superformen, zusammen. Mit dieser spezifischen „Pixelsprache“ gilt er als Pionier digitaler Bildgestaltung – lange bevor künstliche Intelligenz künstlerische Prozesse prägte. Bis 2012 entstanden seine Werke, unterstützt von Studierenden, vollständig in Handarbeit.
Bayrle behandelt grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft: Wie hängen Religion und Gesellschaft, Individuum und Masse, industriell gefertigte Produkte und die technischen Apparate ihrer Herstellung zusammen? Neben Konsum, Arbeit, Urbanität und Technologie spielen Fortbewegung, Pop- und Massenkultur sowie Formen von (Ersatz-)Religion eine zentrale Rolle. Ikonische Bildthemen stehen ebenso im Fokus wie kunsthistorische Referenzen – von Michelangelo über Caravaggio und Masaccio bis hin zu Claude Monet. Die Ausstellung vereint Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst, Soundinstallationen und Videoarbeiten.

Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren legte Bayrle den innovativen Grundstein seiner Superformen. Das Wiederholen, Vernetzen und Verweben von Einzelelementen zu einem Gesamtbild prägt sein Werk bis heute und ist eng mit seiner Biografie verbunden. Nach einer Ausbildung als Maschinenweber wandte er sich der Gebrauchs- und Druckgrafik zu. Die dort angewandten Techniken führte er sowohl materiell als auch konzeptuell weiter und ebnete so den Weg vom Analogen zum Digitalen. Seine Arbeiten treten dadurch in einen besonderen Dialog mit dem Ausstellungsort, dem Industriegebäude der ehemaligen Dondorf-Druckerei.
Der Ausstellungstitel „Fröhlich sein!“ zitiert einen Ausspruch, den Bayrles Studierende an der Städelschule – wo er von 1975 bis 2002 als Professor lehrte – regelmäßig von ihm hörten. Zwanzig Jahre nach seiner letzten großen Frankfurter Einzelausstellung im Museum MMK für Moderne Kunst bietet die Schau nun einen umfassenden Überblick über sein jüngeres Schaffen.
Ausstellungsrundgang

Der Parcours ist nach motivischen Werkgruppen und Serien gegliedert. Einzelne Themen kehren in Variationen wieder und begleiten die Besuchenden durch die Ausstellung. Den Auftakt bilden eine Hörstation mit Stimmen ehemaliger Studierender der Städelschule sowie eine Filmcollage von Sunah Choi mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen der Künstlerin Helke Bayrle, die ihren Ehemann über viele Jahre hinweg filmisch begleitet hat.
Philip Johnson und das Raster als Strukturprinzip

Der Rundgang beginnt mit der zwischen 1999 und 2001 entstandenen mehrteiligen Arbeit zur Architektur von Philip Johnson (1906–2005), Mitbegründer des International Style und einer prägenden Figur der architektonischen Postmoderne. Die Installation umfasst die quaderförmige Holzlatten-Skulptur Layout Philip Johnson (1999) sowie zehn Poster der Serie Philip Johnson / The New York Times (2001/2025).
Bayrle legt der Architektur Johnsons und dem Layout der New York Times dasselbe Raster zugrunde. In den Postern werden mehrere Zeitungsseiten übereinandergelegt, sodass der Text unleserlich wird, während das zugrunde liegende Grid als weißes Geflecht horizontaler und vertikaler Linien hervortritt. Architektur erscheint hier als vergrößertes Zeitungslayout. Die Arbeit ist zugleich ein Echo auf Bayrles verlegerische Tätigkeit bei der Gulliver-Presse und auf das Ausstellungsgebäude selbst, in dem einst die sozialdemokratische Zeitung Volksstimme gedruckt wurde.
Individuum und Masse: Frankfurter und Helke-Porträts
Die wandfüllende Tapete Frankfurter (1980/2025) basiert auf Fotografien des Künstlers Gerald Domenig, der 1980 im Auftrag Bayrles Passantinnen und Passanten auf der Frankfurter Zeil aufnahm. Zu acht rhombenförmigen Elementen verdichtet, lassen sich die Motive zu unterschiedlich großen Bildtapeten zusammensetzen. Menschenansammlungen und Einzelpersonen verschmelzen zu einem vieldeutigen Panorama – einer bildlichen „Verwebung“ von Individuum und Gesellschaft.
Es folgen die Helke-Porträts (2022), die Bayrle nach dem Tod seiner Ehefrau schuf. Die Filmkünstlerin erscheint in verschiedenen Versionen mit Kamera vor dem Auge und ihrer charakteristischen Baskenmütze. Helke Bayrle hatte mit der Reihe Portikus Under Construction ab 1992 zahlreiche Künstlerinnen und Künstler beim Aufbau ihrer Ausstellungen filmisch dokumentiert. In dieser Werkserie verbindet Thomas Bayrle das Motiv der Kamera – Symbol des fokussierten Sehens – mit seiner Methode serieller Wiederholung: Aus dem immer gleichen Element entsteht ein Ganzes.
Autobahn, Maschine und Religion

Seit den 1970er-Jahren ist das Motiv der Autobahn zentral für Bayrles Werk. In der Videoarbeit Autobahnkreuz (2006), realisiert mit seinem ehemaligen Studenten Daniel Kohl, führen vielfach wiederholte Autobahnbilder in einer langsamen Zoombewegung zur Figur des gekreuzigten Christus. Die Arbeit wird zusammen mit dreidimensionalen Kartonarbeiten präsentiert.
In Weberei / Weaving (2010) verschränken sich Fahrbahnen zu einer Fusion von Straße und Stoff – ein Verweis auf das „soziale Gewebe“ und auf Bayrles Ausbildung am Jacquard-Webstuhl. Dessen binäres Lochkartensystem gilt als Vorläufer der digitalen Datenverarbeitung. Für Bayrle sind die einzelnen Fäden Individuen, die gemeinsam das Kollektiv bilden.
Arbeiten wie Gerano Pavesi / Church (2015) verbinden die italienischen Autobahnraststätten Autogrill mit der Form einer Christusfigur. In Pflanzlich-Carmageddon (2014), Sao Paulo (2015) oder Weisshorn (2012) entstehen Analogien zwischen Straßenverläufen, Pflanzenstrukturen und Naturphänomenen. Bayrle thematisiert die zerstörerischen Auswirkungen von Industrie, Verkehr und Tourismus – und verweist zugleich auf unsere eigene Verstrickung.
Kunstgeschichte im Raster
Bayrle setzt sich intensiv mit ikonischen Werken der Kunstgeschichte auseinander. Seine Adaptionen von Caravaggios Inspiration des Heiligen Matthäus (1602) übertragen das Gemälde in ein Raster aus iPhone-Piktogrammen. In Hl. Matthäus trifft Engel (2015) zeigen die kleinen Bildschirme Reproduktionen des Originals. Betrachtende, die das Werk mit dem Smartphone fotografieren, werden selbst Teil der Arbeit und überlagern das verpixelte Motiv.

Die Werkgruppe zur Himmelfahrt entwickelt kein konkretes Vorbild, sondern variiert das Motiv in unterschiedlichen Kontexten. Hochfliegende weibliche und herabstürzende männliche Figuren bilden die Rasterstruktur. In Himmelfahrt [Ascension I] (2019) löst sich eine Modellstadt in Zeitungsausschnitten und Karomustern auf. Himmelfahrt (2019) greift pandemische Bildwelten auf: Personen in Schutzanzügen bewegen sich über Wärmefolien, aus denen Körperfragmente auftauchen. In Himmelfahrt VII (2019) trägt die zentrale Figur eine Schutzmaske, umgeben von leuchtenden Screens.
Monets Heuschober erscheinen in Heuhaufen Marmoriert und Roll Over Smartfon I (beide 2019) als Konstruktionen aus iPhones. Masaccios Vertreibung aus dem Paradies wird in Brancacci Chapel (2020) mit zeitgenössischen Bildquellen gefüllt – salutierende Frauen und protestierende Männer strukturieren Adam und Eva. In Vertreibung aus dem Paradies (2020) hingegen befinden sich die Figuren erneut in einer üppigen Pflanzenwelt, als hätten sie das Paradies nie verlassen.

Die Pietà-Motivik nach Michelangelo verbindet Bayrle mit technologischen und gesellschaftlichen Themen. In Pietà red cars (2019) formt ein Straßennetz mit roten Autos die Figurengruppe. Pietà (Flugzeug) (2018) kombiniert Totenköpfe mit einem Flugzeugmotiv. Die Tapisserie iPhone Pietà (2017), auf einem automatisierten Webstuhl gefertigt, reflektiert digitale Vernetzung. Pietà (Rising Woman, Falling Man) (2020) thematisiert veränderte Geschlechterrollen.
Roboter, Motoren und Meditation

Humorvolle Titel wie Erholung in der Idiotie I und II, Non Fungible Tokens „Turn Right“ oder I Fon Salat-Roboter (alle 2022) rücken Industrieroboter ins Zentrum. Zusammengesetzt aus unzähligen kleinen iPhones, spiegeln sie Bayrles serielle Methode und kommentieren industrielle Produktionsprozesse.
Mit den motorisierten Skulpturen Rosary (2009) und Rosaire (2012), beide in Zusammenarbeit mit Bernhard Schreiner entstanden, verbindet Bayrle Maschinenbewegung mit Tonaufnahmen von Rosenkranzgebeten. Bereits während seiner Ausbildung hatte ihn das monotone Geräusch der Webstühle an betende Menschen erinnert. Auch Automeditation (1987/2017) – vier übereinandergestapelte Autoreifen mit dem Schriftzug des „Ave Maria“ – greift dieses Motiv auf.
Ikonen der Gegenwart
Den Abschluss bilden Porträts zeitgenössischer Medienfiguren. Kim Kardashian XII und XIII (2021) setzen sich aus zahlreichen roten Lippenstiften zusammen und zitieren formal Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring, eine sogenannte Tronie. Auch Pope I und II (2021) zeigen keine konkrete Person, sondern eine Rolle: Die Komposition besteht aus einer Vielzahl unterschiedlich gefärbter Schuhe, die Mitra verweist auf kirchliche Repräsentation.

Mit „Fröhlich sein!“ präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine umfassende Werkschau, die Thomas Bayrles vielschichtige Auseinandersetzung mit Individuum und Masse, Religion und Technologie, Handwerk und Digitalität in ihrer ganzen Tiefe erfahrbar macht.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
