
Mit gleich zwei Ausstellungen blickt die Stadt Aschaffenburg in diesem Jahr zugleich zurück und nach vorn: Eine Plakatschau unter dem Titel „50 Jahre Kunsthalle Jesuitenkirche“ (25. März 2026 bis 7. Januar 2027) würdigt die Geschichte des Hauses, während die große Preisausstellung „STUFEN – ERKLIMMEN. WACHSEN.“ (24. März bis 12. Juli 2026) neue künstlerische Perspektiven eröffnet. Letztere bildet den Höhepunkt der Verleihung des 2. Kunstpreises der Stadt Aschaffenburg und ist vom 25. März bis 12. Juli 2026 in der Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen.
Die Ausstellung versammelt die Arbeiten der ausgewählten Finalisten und widmet sich dem Motiv der Stufe als vielschichtiger Denkfigur zwischen Bewegung und Stillstand, Aufstieg und gesellschaftlicher Ordnung.
Zum zweiten Mal vergab die Stadt Aschaffenburg ihren Kunstpreis. Anders als bei der ersten Ausgabe entschied diesmal nicht eine lokale Auswahl, sondern eine hochkarätige Jury aus externen Fachleuten über die nominierten Positionen. Der Jury gehörten Hendrik Bündge (Staatsgalerie Stuttgart), Katharina Dohm (Schirn Kunsthalle Frankfurt), Luisa Heese (Kunsthalle Mannheim), Henrike Holsing (Museum im Kulturspeicher Würzburg), Sabiha Keyif (Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart), Ina Neddermeyer (Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main) sowie Benedikt Seerieder (Museum Brandhorst, München) an. Den Vorsitz führte Johannes Honeck, Leiter der Kunsthalle Jesuitenkirche und des Christian Schad Museums in Aschaffenburg, ohne Stimmrecht.
Eine weitere Neuerung bestand laut Dr. Thomas Schauerte, Generaldirektor der Museen Aschaffenburg, in der deutlichen Reduzierung der ausgestellten Werke gegenüber dem ersten Kunstpreis. Ziel sei eine konzentriertere Ausstellung gewesen.

Das Jubiläumsthema „Stufen“ verstehe sich dabei selbst als Prozess. Während der erste Kunstpreis unter dem Motto „Miss you“ stand, habe man sich diesmal bewusst für „Stufen – Erklimmen. Wachsen.“ entschieden. „Die erste Frage, die sich natürlich stellt, ist: Warum sucht man überhaupt ein solches Thema?“, erklärte Johannes Honeck, Leiter des Christian Schad Museums und der Kunsthalle Jesuitenkirche.

Die Antwort liege im Ort selbst. Die Kunsthalle Jesuitenkirche blickt auf eine über 400-jährige Gebäudegeschichte zurück und feiert in diesem Jahr zugleich ihr 50-jähriges Bestehen als Ausstellungshaus. Gesucht worden sei ein Sinnbild für Alterungsprozesse, Wachstum, Aufstieg, aber auch Rückschritte. In Aschaffenburg habe man im Motiv der Stufe ein solches Symbol erkannt. Zugleich griff das Thema eine internationale Referenz auf: Auch der Deutsche Pavillon der Biennale von Venedig 2024 hatte sich mit dem Motiv der Stufe auseinandergesetzt.
Insgesamt gingen 138 Bewerbungen für den Kunstpreis ein — 138 unterschiedliche künstlerische Positionen, die sich sowohl konkret räumlich als auch metaphorisch mit dem Motiv der Stufe beschäftigten. Stufen strukturieren Räume, markieren Übergänge und fordern Entscheidungen in Bewegung und Wahrnehmung. Sie stehen für Aufstieg und Stillstand, für Schwellen, Hierarchien und Veränderungen, so Honeck. „Aus dieser Perspektive heraus entstand eine Ausstellung, in der „die“ Stufe nicht nur als architektonisches Element verstanden werde, sondern als Denkfigur, die Fragen nach Ordnung, Fortschritt, Macht und gesellschaftlichen Prozessen aufwirft“. Die Ausstellung sei bewusst nicht als Hinweis- oder Deutungssystem angelegt. Vielmehr sei es darum gegangen, aus den 13 nominierten Arbeiten gemeinsam mit den Künstlern eine überzeugende Ausstellung zu entwickeln.
Die Ausstellung führt die Besucher buchstäblich über die Stufen des historischen Gebäudes hinweg — zunächst durch die architektonisch gegebenen Treppenräume, bevor die künstlerischen Positionen sichtbar werden.
Zu sehen sind Arbeiten von Jonas Ademes, Claudia Chaseling, Konrad Franz, GISELDA, Susanne Hessenthaler, Benjamin Hirte, Christiane Kaufmann, Jennifer Maus, Alina Röbke, Finja Sander, Tim Seger, INK Ponce Sonntag-Ramirez und Toni Wombacher. Begleitende Informationstafeln erleichtern die Annäherung an Werke und künstlerische Ansätze.
Zweite Aschaffenburger Kunstpreis an Finja Sander
Im Rahmen der feierlichen Ausstellungseröffnung wurde zudem zum zweiten Mal der Kunstpreis der Stadt Aschaffenburg verliehen. Als Preisträgerin ging die Künstlerin Finja Sander hervor. Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert und würdigt herausragende künstlerische Positionen mit biografischem oder inhaltlichem Bezug zur Region.

Die Jury zeichnete Sander für ihre Arbeit „Stufe Null“ (2026) aus, eine multimediale Soundinstallation, die zwei vorausgegangene Prozesse miteinander verdichtet: das Sammeln persönlicher Erinnerungen aus der Aschaffenburger Stadtgesellschaft sowie den Rhythmus einer kollektiven Performance im öffentlichen Raum. In der Installation begegnen sich individuelle Stimmen und ein gleichförmiger Takt, der sich jeder linearen Fortschrittslogik entzieht.
Ausgangspunkt der Arbeit war ein offener Aufruf der Künstlerin an die Bewohner Aschaffenburgs, persönliche Erinnerungen zu teilen. Die eingesandten Texte wurden anonymisiert und als gleichwertige Bestandteile in eine Lecture überführt. Einzelne Fragmente verlieren dabei ihre narrative Geschlossenheit und werden zu Material — zu Stimmen ohne Absender und Erinnerungen ohne Hierarchie.
Parallel entstand im Stadtraum eine kollektive Bewegungssituation: Teilnehmer bewegten sich über Stunden hinweg synchron auf Aerobic-Steppern, ohne sich räumlich fortzubewegen. Aus dieser körperlichen Gleichförmigkeit entwickelte sich ein gemeinsamer Rhythmus, der zur Grundlage der Installation wurde.
In der Verschränkung beider Ebenen entsteht ein Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität. Der Rhythmus verbindet und strukturiert, kann jedoch zugleich vereinheitlichen und überdecken. Sanders Arbeit macht diese Ambivalenz erfahrbar und verhandelt Erinnerung nicht als statischen Rückblick, sondern als gegenwärtigen, körperlich geprägten Prozess, der sich im Moment formt und wieder auflöst.
Finja Sander, geboren 1996 in Hildesheim, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin bei Ursula Neugebauer und Valérie Favre und schloss ihr Studium 2022 als Meisterschülerin ab. 2023 wurde sie mit dem UdK Berlin Art Award ausgezeichnet. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Performance, Installation, Fotografie und Objekt und beschäftigen sich mit Erinnerungskultur, kollektiven Ritualen sowie der politischen Dimension des Körpers.
Publikumspreis des Förderkreises Kunsthalle Jesuittenkirche

Neben dem Hauptpreis werden auch in diesem Jahr weitere Auszeichnungen vergeben: der mit 2.000 Euro dotierte Publikumspreis des Förderkreises der Kunsthalle Jesuitenkirche sowie der Main-Echo-Leserpreis, die beide im Verlauf der Ausstellung verliehen werden.
Plakatschau zum Jubiläum – 50 Jahre Kunsthalle Jesuitenkirche

25. März 2026 bis 7. Januar 2027
Passend zum diesjährigen Jubiläum wird im Sonderkabinett der Kunsthalle eine Auswahl der herausragendsten Plakate aus fünf Jahrzehnten Ausstellungsgeschichte gezeigt.
Zur Hälfte der Laufzeit zieht die Präsentation in das Schloss Johannisburg um.
Die Preisausstellung „STUFEN – ERKLIMMEN. WACHSEN.“ ist noch bis zum 12. Juli 2026 in der Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen und versammelt künstlerische Positionen, die das Motiv der Stufe als Sinnbild für Bewegung, Entwicklung und gesellschaftliche Struktur erfahrbar machen.
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Weitere Informationen: Kunsthalle Jesuitenkirche
