
Mit einer Vorpremiere des grandiosen und auf der 76. Berlinale 2026 für den Hauptpreis des Berliner Bären nominierten Historiendramas „Rose“ von Markus Schleinzer öffnete am 2. April 2026 die traditionsreiche Wiesbadener Caligari Filmbühne nach umfassender Sanierung wieder ihre Türen. „Es ist wahrscheinlich das schönste Kino, in dem ich jemals war!“, schwärmte Schleinzer, der eigens aus Wien angereist war, beim anschließenden Filmgespräch mit Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl und Caligari-Chef Uwe Stellberger. „Wir glauben an die Zukunft des Kinos“, versicherte Schmehl. „Deswegen haben wir hier auch 1,7 Millionen Euro investiert.“ Das sehe man dem Haus nicht unbedingt an, „weil vieles für das Auge einfach unsichtbar bleibt“. So seien erhebliche Aufwendungen in Brandschutz, Lüftung und weitere technische Maßnahmen geflossen. Tatsächlich sichtbar und unmittelbar spürbar sind hingegen die neuen Kinosessel, die derzeit noch vergleichsweise ungewohnt wirken und erst „eingesessen“ werden müssen.

Schon in der vergangenen Woche hatten WiBau-Geschäftsführer Christoph Golla und der Aufsichtsratsvorsitzende der WiBau, Andreas Kowol, die Hintergründe der Sanierung erläutert. Im Zuge der Arbeiten wurde das Gebäude umfassend modernisiert und zugleich behutsam an die Anforderungen eines denkmalgeschützten Hauses angepasst. Neben der Erneuerung zentraler Gebäudetechnik wurden umfangreiche brandschutztechnische Maßnahmen umgesetzt, um heutigen Sicherheitsstandards zu entsprechen und einen dauerhaften Kinobetrieb zu gewährleisten. Ziel war es, die besondere Atmosphäre der historischen Filmbühne zu bewahren und zugleich die Voraussetzungen für einen zeitgemäßen Kulturbetrieb zu schaffen.
Die Bauphase erwies sich dabei als anspruchsvoll. Während der Arbeiten traten immer wieder unerwartete bauliche Situationen und zum Teil erhebliche Überraschungen zutage, die zusätzliche Abstimmungen und Anpassungen erforderlich machten. Durch das Engagement aller Projektbeteiligten und kreative Lösungsansätze konnten jedoch stets tragfähige Lösungen entwickelt werden. Mit der Wiedereröffnung wird nun der reguläre Spielbetrieb wieder aufgenommen. Im Zuge der Vorbereitungen für die Hundert-Jahr-Feier des Caligari im Dezember 2026 folgen weitere Baumaßnahmen: Unter der Bühne entsteht eine zusätzliche WC-Anlage, die den Besuch für Kinogäste künftig komfortabler gestalten soll.

„Das Projekt hat uns allen viel abverlangt“, sagt WiBau-Geschäftsführer Christoph Golla. „Während der Bauphase sind immer wieder unerwartete Herausforderungen aufgetreten. Umso beeindruckender ist es, mit welchem Engagement und welcher Kreativität alle Beteiligten gemeinsam Lösungen gefunden haben. Dass wir nun auf die Zielgerade einbiegen, ist das Ergebnis einer starken Teamleistung.“
Auch aus Sicht des Aufsichtsrats besitzt das Projekt eine besondere Bedeutung für die Stadt. „Die Caligari Filmbühne ist ein kulturelles Aushängeschild Wiesbadens“, betont Andreas Kowol. „Die Sanierung zeigt, wie wichtig es ist, historische Orte zu erhalten und gleichzeitig zukunftsfähig zu machen. Mit der Wiedereröffnung gewinnt die Stadt einen bedeutenden Kulturort zurück.“
Besondere Anforderungen stellte die Sanierung auch aus architektonischer Perspektive. Die historische Bausubstanz erforderte eine enge Abstimmung zwischen Denkmalschutz, Architektur, Brandschutz und moderner Gebäudetechnik. „Die architektonische Aufgabe bestand darin, die Identität dieses besonderen Hauses zu bewahren und zugleich die funktionalen sowie sicherheitstechnischen Anforderungen eines modernen Kinobetriebs zu integrieren“, erklärt Architekt Uwe Bordt. „Viele Lösungen mussten individuell entwickelt werden, um sowohl dem Denkmal als auch den heutigen technischen und brandschutzrechtlichen Vorgaben gerecht zu werden.“
Auch aus Sicht der Projektsteuerung erwies sich das Vorhaben als komplex. „Gerade bei historischen Gebäuden zeigt sich die tatsächliche Komplexität oft erst im Bauverlauf“, sagt WiBau-Projektleiter Hartmut Herreiner. „Dank der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten und vieler kreativer Köpfe konnten wir auch unerwartete Herausforderungen gemeinsam bewältigen.“
„Rose“ – ein zeitgenössisch anmutendes fiktives Geschlechter-Drama nach dem 30jährigen Krieg

Wie gut die Sanierung der Caligari Filmbühne letztlich gelungen ist, davon konnten sich nun am Donnerstag-Abend das „Premieren-Publikum“ des österreichisch deutschen Film „Rose“ einen Eindruck verschaffen. Für ihre Hauptrolle „Rose“ wurde Sandra Hüller bei der Weltpremiere am 15. Februar 2026 im Rahmen der 76. Berlinale mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Als Inspiration für die Titelfigur Rose, eine als mysteriöser männlicher Soldat auftretende Frau, dienten Markus Schleinzer zahlreiche dokumentierte Berichte über als Männer verkleidete Frauen in der europäischen Geschichte. Daraus entwickelten Schleinzer und sein Co-Autor Alexander Brom den Stoff, der von einer in den Nachwirren des 30jährigen Krieges Frau erzählt, die als mysteriöser Soldat in einem abgelegenen protestantischen Dorf auftaucht. Er behauptet, der rechtmäßige Erbe eines seit langer Zeit verlassenen Gutshofs zu sein. Seinen Anspruch macht er mit einem Dokument geltend. Den Fremden umgibt ein Geheimnis – tatsächlich ist „er“ eine Frau namens Rose, die eine falsche Identität und Geschlecht angenommen hat, um ihr Glück zu finden. Dabei schreckt sie auch nicht vor einer arrangierten Ehe mit Suzanna, der Tochter eines Großbauern zurück. Nach einem mit Hilfsmitteln simulierten Geschlechtsakt wird Suzanna auf wundersame Weise schwanger, was nicht nur Roes Männermaskerade schützt, sondern auch Suzanna ermöglicht, einen vorehelichen „Sündenfall“ zu kaschieren. Erst als Rose nach einer Bienen-Stichattacke schwerverletzt von Suzanna entkleidet wird, entdeckt sie voller Scheck, dass Rose eine Frau ist. Suzanna hält dicht, bemerkt aber nicht das ihre jüngere Schwester von dem Geheimnis weiß … Nach Flucht werden beide festgenommen. Suzanna wird wegen Beihilfe zum Betrug und Ehebruch zum Tod durch Ertränken verurteilt, Rose soll wegen Betrug und Erbschleicherei durch Enthauptung hingerichtet werden. Die Hinrichtung muss allerdings verschoben werden – Rose ist durch eine Vergewaltigung nach der Festnahme selbst schwanger geworden. In der Zeit, die ihr durch den Aufschub gewährt wird, schreibt Rose ihre Lebensgeschichte auf.

Filmgespräch zwischen Uwe Stellberger und Markus Scheinzer
Von Uwe Stellberger befragt, wie er dazu gekommen sei, einen Film über den Dreißigjährigen Krieg zu drehen, der zugleich eine überraschend aktuelle Wirkung entfaltet, antwortet Markus Schleinzer, dass nicht das historische Ereignis am Anfang gestanden habe. Zwar sei der zeitgenössische Bezug deutlich spürbar, ohne dass er ihn ausdrücklich herausstellen wolle, doch der Ausgangspunkt sei ein ganz anderer gewesen.
„Zuerst war eine Geburtstagsgratulation“, erzählt er. „Der Dreißigjährige Krieg hat mich zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht besonders interessiert.“ Eine Freundin, selbst Historikerin, habe ihn an seinem Geburtstag angerufen und ihm von einem historischen Gerichtsfall berichtet, mit dem sie sich gerade beschäftigte: einer Frau, die als letzte in der deutschen Gerichtsgeschichte wegen Sodomie hingerichtet worden sei — genau 240 Jahre vor seiner Geburt. „Ich fand es berührend, an einem Tag Geburtstag zu feiern, an dem eine Frau zu Tode gekommen ist“, sagt Schleinzer. Dieser Moment habe den Anstoß für seine Recherchen gegeben.

Gemeinsam mit seinem Co-Autor begann er daraufhin, intensiv zu forschen. Sie sichteten zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten und konnten schließlich über 300 Frauen aus drei Jahrhunderten ausfindig machen, die aus unterschiedlichsten Gründen Männerkleidung trugen oder sich als Männer ausgaben. Die Motive seien vielfältig gewesen: Manche wollten einer Zwangsverheiratung entgehen, andere suchten nach dem Tod ihres Ehemannes Zugang zu gesellschaftlichen Möglichkeiten, die Frauen verwehrt waren. Wieder andere folgten aus romantischen Gründen ihren in den Krieg gezogenen Partnern, als Männer verkleidet. „Wahrscheinlich gab es darunter auch lesbische Frauen oder Transpersonen“, sagt Schleinzer. So unterschiedlich die Beweggründe gewesen seien — das Ziel sei immer dasselbe gewesen: mehr Freiheit.
Diese Auseinandersetzung führte ihn zu grundsätzlichen Überlegungen über den Begriff der Freiheit selbst. Freiheit sei ein Sehnsuchtsbegriff, der oft erst dann bewusst werde, wenn er fehle. „In dem Moment, in dem wir Freiheit haben und sie selbstverständlich erscheint, nehmen wir sie kaum noch wahr“, sagt er.
Im Zuge seiner Recherchen rückte für ihn zunehmend ein scheinbar alltägliches Symbol in den Mittelpunkt: die Hose. In einer Zeit ohne Automobile sei das Pferd das wichtigste Fortbewegungsmittel gewesen — und mit einem Rock zu reiten nahezu unmöglich. Kleidung habe daher auch als Mittel sozialer Kontrolle funktioniert. „Man hat Menschen Mobilität genommen, indem man ihnen bestimmte Kleidungsstücke vorenthalten hat“, erklärt Schleinzer. Die Hose werde so zu einem Symbol gesellschaftlicher Einschränkung — und zugleich des Versuchs, diese zu überwinden.
Dass solche Formen struktureller Begrenzung noch gar nicht lange zurückliegen, sei ihm auch durch eigene Familiengeschichten bewusst geworden. Noch bis in die frühen 1970er Jahre hinein habe es gesetzliche Regelungen gegeben, die Frauen massiv einschränkten — etwa Bestimmungen, nach denen Ehefrauen keinen eigenen Wohnungsschlüssel besitzen oder berufliche Dokumente nicht selbst unterschreiben durften. „Die Hose steht damit auch für eine andere Form gesellschaftlicher Unterdrückung“, sagt Schleinzer. Gerade dieser Zusammenhang zwischen historischer Realität und gegenwärtiger Erfahrung habe schließlich sein Interesse an dem Stoff geweckt.
Ab 30. April 2026 kommt Rose in die Kinos!
(Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
