
Die österreichische Autorin Monika Helfer wurde mit der Carl-Zuckmayer-Medaille 2026 ausgezeichnet, der höchsten Kulturauszeichnung des Landes Rheinland-Pfalz. Bei der feierlichen Verleihung im Theater Mainz würdigte Ministerpräsident Alexander Schweitzer die Schriftstellerin als eine der prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Wie Carl Zuckmayer selbst verfüge Helfer über die Kraft einer einfachen, wahrhaftigen Sprache und einen scharfsinnigen, zugleich mitfühlenden Blick auf die Welt. Ihre Erzählungen gäben jenen eine Stimme, die oft übersehen würden, und stünden für eine stille, aber nachhaltige Menschlichkeit.

Rund 700 Gäste aus Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, darunter auch Schülerinnen und Schüler aus Mainzer Schulen, nahmen an der Veranstaltung teil. Unter den Gästen waren die beiden früheren Preisträger Robert Menasse (Preisträger 2019) und Nora Gomringer (Preisträgerin 2021). Die Laudatio hielt die österreichische Schriftstellerin Verena „Vea“ Kaiser, die gerade wieder mit ihrem aktuellen Roman „Fabula Rasa“ Furore macht. Für den künstlerischen Rahmen der Preisverleihung sorgte das Mainzer Staatstheater.

Lisa Mies, Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz, führte pointiert durch das abwechslungsreiche Programm der Preisverleihung: Musikalisch eröffnet wurde der Abend mit „Wüdnis“ von Ursula Strauß und Ernst Molden, interpretiert von Dorin Rahardja und Axel Heintzenberg. Literarische Akzente setzten Lesungen aus „Praterstern“ von Monika Helfer und Michael Köhlmeier sowie aus Helfers Werk „Soll ich denn singend zugrunde gehen?“, vorgetragen von Lisa Mies. Ein filmisches, sehr empathisches Porträt der Preisträgerin von Alexander Wasner (SWR) zeigte ein Bild ihres Schaffens. Es zeigte die Autorin in ihrem von Erinnerungsstücken eines wechselhaften und ereignisreichen Lebens eingerichteten Hauses in Vorarlberg.
Die Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille durch Ministerpräsident Schweitzer
Ministerpräsident Alexander Schweitzer würdigte Monika Helfer bei der Preisverleihung als eine Schriftstellerin, die wie Zuckmayer die Kraft der einfachen, wahrhaftigen Sprache kenne und einen scharfsinnigen Blick in die Welt habe. „Liebe Monika Helfer, Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, zu erzählen über Herkunft, über Alltag, über Familien.“ In der Jurybegründung, so Schweitzer weiter, hieße es treffend: „Monika Helfer ist eine der populärsten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Mit feinem Blick für die stillen Tragödien des Alltags spürt sie den Mechanismen sozialer Ausgrenzung nach und fragt nach Gerechtigkeit, nach Würde und menschlicher Verbundenheit. Ihre Erzählungen geben jenen eine Stimme, die oft übersehen werden. Ihr Werk steht für eine stille und kraftvolle Menschlichkeit.“ Und zudem, so der Ministerpräsident, sei Monika Helfer „auch Vorbild und Mutmacherin für andere Frauen, denen Schreiben und Veröffentlichen ein Grundbedürfnis ist“.

Es sei kein Schreiben „von oben herab oder ein Schreiben, das moralinsauer oder mit dem Hinweis auf einen besonders erhobenen Zeigefinger daherkommt. Nein, es ist eher ein Gespräch unter Freundinnen und Freunden“, lobte der Ministerpräsident. Monika Helfer habe viel zu sagen über Familie und über das, was zu Familie auch gehört: über Verstrickungen, über gesellschaftliche Ränder und Armut, über Kriegserfahrungen und Kriege und deren tiefe Spuren, die sie in Familien und weiblichen Charakteren hinterließen. Helfers Werk sei auch „ein Werk, das weibliche Selbstbehauptung unterstreicht“.
„Liebe Monika Helfer, manche Geschichten müssen leise erzählt werden, um laut zu wirken. Sie verdichten ganze Lebenswelten und legen Weltgeschehen frei, Sie machen das Familiäre, das Persönliche zu großen Erzählungen, und Sie stellen uns allen damit die Frage: Sind wir uns darüber bewusst, warum wir die Menschen geworden sind, die wir heute sind? Kennen wir die geschichtlichen Verstrickungen, kennen wir die familiären Bedingungen und sind wir uns darüber im Klaren, dass wir auch Teil eines menschlichen, eines familiären, eines sozialen Netzwerkes sind?“

Besonders ihre jüngeren, stark autobiografisch grundierten Romane machten Monika Helfer einem großen Publikum bekannt. Mit ihrer Familien-Trilogie „Die Bagage“ (2020), „Vati“ (2021) und „Löwenherz“ (2022) erreichte sie eine breite Leserschaft und erlangte nachhaltige öffentliche Anerkennung. „In vielen von Monika Helfers Romanen stehen Menschen aus ihrer ländlichen Heimat im Mittelpunkt. Sie erzählt, wie Herkunft Lebenswege prägt, und stellt dabei eine Frage, die mich als Ministerpräsident umtreibt: Was hätte aus diesen Menschen werden können, wenn sie andere Startbedingungen gehabt hätten? Immer noch entscheidet die soziale Herkunft über den Bildungsweg. Das ist nicht hinnehmbar. Das Aufstiegsversprechen muss gelten, für jedes Kind, unabhängig von der Herkunft oder dem Geldbeutel der Eltern. In Rheinland-Pfalz gelingt es besser als in anderen Bundesländern, Bildungserfolg von der Herkunft zu entkoppeln. Auch kulturelle Teilhabe hat für die Landesregierung einen hohen Stellenwert. Rheinland-Pfalz hat einen klaren kulturpolitischen Kompass: Kultur ist Grundversorgung. Es ist die Stärke von Kultur, dass sie alle Generationen und Milieus erreicht und die Menschen im Land verbindet“, betonte der Ministerpräsident bei der Feierstunde.

„All das, liebe Monika Helfer, zeichnet Sie aus, zeichnet die Jury aus in ihrer Beschreibung und macht mich glücklich als Ministerpräsident, dass ich diese Jury-Entscheidung heute hier auch mitbegründen darf.“
Ministerpräsident Schweitzer habe gar die Vermutung – und dafür gäbe es auch gute Gründe –, dass Zuckmayer gar Spaß an Monika Helfers Sätzen gehabt habe, und er, Schweitzer, würde sogar so weit gehen zu sagen, Carl Zuckmayer würde Sie als Wahlverwandte erkennen, als jemand, liebe Monika Helfer, die mit Empathie, mit Klarheit und Liebe zur Sprache und Liebe zu den Menschen – auch das haben wir erfahren dürfen – in den Porträts von Menschen erzählt.
Laudatio Vea Kaiser – wie schön deutsche Sprache sein kann, wenn sie unprätentiös sein darf!

In der anschließenden sehr persönlichen Laudatio würdigte die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser Monika Helfers literarisches Werk und dessen gesellschaftliche Relevanz. Für sie selbst sei Monika Helfer ein Vorbild, eine Wegbereiterin gewesen, selbst Schriftstellerin zu werden.
In ihrer grandiosen Laudatio, in der Vea Kaiser praktisch das gesamte literarische Werk Monika Helfers kundig durchleuchtet, brachte sie schließlich die Faszination ihrer Sprache trefflich auf den Punkt: „Nicht jeder Sportler schafft einen neuen Rekord, nicht jeder Autor macht sich um die Sprache, in der er schreibt, verdient. Sie, liebe Monika Helfer, schon! Was Sie der deutschen Sprache geschenkt haben, ist eine Ballastfreiheit, die ihresgleichen sucht: eine konzentrierte Reduktion auf das Essentielle, nicht nur das Minimale, sondern das Wesentliche. Jedes Wort hat Gewicht. Sie zeigen uns Sprache, wie sie frei ist von so überladenen Adjektivkaskaden. Sie zeigen uns ein Deutsch, das nicht schwadroniert, um halbgare Gedanken zu verdecken, oder mit komplizierten Hypotaxen Bedeutung vortäuscht. Mit lakonischer Ruhe geben Sie komplizierte, komplexe Erzählteppiche, in denen erinnernde, beobachtende Gedanken zu Geschichten werden, die gerade durch ihre Zurückhaltung leuchten. Ihr Verdienst um die deutsche Sprache ist es, zu zeigen, wie poetisch sie sein kann, wenn sie unprätentiös sein darf“, lobte Vea Kaiser Monika Helfers Werk.
Gespräch im Wiener Kaffeehaus

Ein tänzerisches Intermezzo zur Salonmusik, unter anderem zu „Liebesfreud“ von Fritz Kreisler, sorgte für einen atmosphärischen Übergang, bevor ein Gespräch im Kaffeehaus-Stil stattfand. Unter dem Titel „Familie, Heimat, Zukunft und Vergangenheit“ tauschten sich Monika Helfer, Alexander Schweitzer und Lisa Mies über prägende Themen ihres Schreibens aus.
Dankesworte der Preisträgerin – Alles verdient, geschrieben zu werden

Den Abschluss des Abends bildeten die persönlichen Dankesworte der Preisträgerin, die die Auszeichnung als große Ehre und Ermutigung verstand. Nach einem Abriss aus ihren jahrzehntelangen vielschichtigen Schaffenserfahrungen sagte Monika Helfer abschließend, quasi als Resümee: „Alles verdient, geschrieben zu werden, alles ist, das genügt.
Das muss der Schriftstellerin genügen, mehr als ‚alles‘ gibt es nicht. Das wusst’ ich schon, als ich meine erste Geschichte schrieb – heute, da ich alt bin, bin ich ohne Sorge und schreibe einfach, sei es, was es will. Im besten Fall schreibt es sich eh’ von selbst.
Ich freue mich, mit dem Preis ausgezeichnet zu werden, der den Namen des größten Komödiendichters der Deutschen trägt, Carl Zuckmayer. Danke schön!“
(Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
