
Im Rahmen der Ausstellungsreihe Wirtschaft trifft Kunst eröffnete die IHK Rheinhessen am 16. März 2026 in Mainz die Ausstellung „Entropie“ des Mainzer Künstlers Stefan Bayerl. Die Laudatio hielt der vielfach ausgezeichnete Kabarettist Frank-Markus Barwasser, bekannt als Schöpfer der Kultfigur Erwin Pelzig.
In seiner Begrüßung stellte IHK-Präsident Dr. Marcus Walden den Künstler Stefan Bayerl vor, der seit vielen Jahren beruflich im Medienbereich tätig sei und beim ZDF heute als Redaktionsleiter verschiedene Formate wie „Markus Lanz“ verantworte.
In Bezug auf den Ausstellungstitel „Entropie“ erklärte der IHK-Präsident, dass wohl nur wenige den Begriff spontan einordnen könnten. Ursprünglich stamme er aus der Physik und beschreibe vereinfacht eine zunehmende Unordnung innerhalb eines zunächst geordneten Systems. Zugleich stehe Entropie für Veränderung, Dynamik und die Erkenntnis, dass Prozesse niemals vollständig planbar seien – eine Erfahrung, die sich auch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft widerspiegele.
Auch die rund 43.000 Mitgliedsunternehmen der IHK bewegten sich ständig im Spannungsfeld zwischen strategischer Planung und notwendiger Anpassung. In der Praxis entwickelten sich Prozesse häufig anders als erwartet; Fortschritt entstehe oft gerade dort, wo Planung an ihre Grenzen stoße.

Laudatio von Frank-Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig
In seiner Laudatio zeigte Frank-Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig, seine Bewunderung für Stefans Kunst, deren Bilder auf ihn „eine geradezu magische Anziehungskraft“ ausübten. Er erinnerte sich an Atelierbesuche bei Stefan, bei denen er lieber still vor den Bildern gesessen hätte, als zu reden – und kommentierte humorvoll die Frage, was Stefan besser könne: „Kunst oder Kochen“, mit einem knappen „Unentschieden!“.
Bei seinem Vorbereitungsbesuch zur Laudatio sei ihm ein Bayerl-Satz besonders im Gedächtnis geblieben: „Ich will mit meinen Bildern keine Aussage machen. Wenn ich etwas sagen wollte, würde ich einen Text schreiben.“ Barwasser bekannte, dass Kunst ohne festgelegte Bedeutung für ihn zunächst ungewöhnlich sei, verwies jedoch auf die Kunstgeschichte: Viele Künstler hätten sich bewusst gegen die Erwartung gewehrt, dass ein Bild eine klare Botschaft transportiere. Ein Gemälde arbeite mit Farbe, Form, Rhythmus, Materialität und Raumwirkung – nicht mit Sprache. So sei ein offenes Bedeutungsfeld möglich. In diesem Zusammenhang zitierte Barwasser Marcel Duchamp: „Der Betrachter macht das Bild“, und Gerhard Richter: „Ich male nicht um etwas zu sagen. Bilder sind klüger als ihre Maler.“ Stefan stehe damit in bester Gesellschaft.
Barwasser betonte, wie wichtig es Stefan sei, nicht interpretiert oder festgelegt zu werden. Der Künstler habe einmal gesagt: „Wer unbedingt die Lagune im Mondschein sehen will oder einen Eisbären mit Fahrrad, der solle das tun, aber ihn damit in Ruhe lassen.“ Barwasser fügte die Reflexion von Susan Sontag hinzu: „Interpretation ist die Rache des Intellekts an der Kunst“, und merkte an, dass auch Adorno die Auffassung vertrat, dass Kunst immer etwas über ihre Zeit aussage.
Die Laudatio ging auf Stefans Arbeitsweise ein: Er arbeite nach klaren Regeln, doch sobald die Farbe auf die Leinwand trete, entfalte sich etwas, das sich jeder Kontrolle entziehe. Das Ergebnis sei „absolut unkontrollierbar, absolut unwiederholbar“. Barwasser stellte humorvoll die Verbindung zu Stefans Fernseharbeit her, einem Medium, das Kontrolle und Wiederholbarkeit schätze – vielleicht sei die Malerei der Ausgleich dazu.
Die Ausstellung Entropie zeige nicht nur den malerischen Prozess, sondern auch etwas Zeitgenössisches: unsere Welt in permanenter Unsicherheit, in der Kontrollverlust und Chaos kreative Energie freisetzen können. Stefan zeige, dass Schönheit, Tiefe und Rhythmus auch entstehen, wenn wir nicht mehr wissen, wohin alles führt.
Barwasser schloss: Hören Sie auf Duchamp: „Der Betrachter macht das Bild“, halten Sie Ihren Intellekt im Zaum (im Sinne Sontags), zerstören Sie nichts, und wenn Sie eine Lagune im Mondschein entdecken, behalten Sie sie für sich. Denn, wie Richter sagt: „Bilder sind klüger als ihre Maler“ – vielleicht sogar klüger als ihre Betrachter.
Entdeckten und genießen Sie, dass etwas entstanden ist, das „nicht kontrollierbar war, aber wunderbar bleiben wird“. Nach 30 Jahren ist dies endlich die erste Ausstellung von Stefan Bayerl – „höchste, allerhöchste Zeit“, so Frank-Markus Barwasser.

Dank des Künstlers
Stefan Bayerl richtete seinen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass seine Bilder heute präsentiert werden. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, um den Besuchern eine kleine „Gebrauchsanweisung“ zu seinen Arbeiten zu geben – auch wenn es, wie er betonte, im Wesentlichen keine gebe. Er zitierte Gerhard Richter: „Wenn Bilder beschrieben werden können, dann sind es Texte und keine Bilder mehr.“ Deshalb wolle er seine Bilder nicht erklären, sondern nur einen kurzen Einblick hinter die Kulissen seiner Werkstatt geben.
Er fasste seine Arbeitsweise in zwei Sätzen zusammen: „Ich kann das nicht. Ich will das nicht.“ Das klinge vielleicht widersprüchlich, erklärte er, sei aber genau der Kern seines Schaffens. Normalerweise beginne man etwas, um es irgendwann zu beherrschen. Die hier gezeigten Werke seien jedoch gerade entstanden, weil er die Kontrolle während des malerischen Prozesses nach und nach abgebe und sich bewusst von dem, was er tue, entferne. Aus diesem Spannungsverhältnis von Können und Nicht-Können entstehe letztlich das Ergebnis, das nun in der Ausstellung zu sehen ist.
Bayerl verband seine Dankesworte mit einem Einblick in den kreativen Prozess: Experimentieren mit Werkzeugen, Materialien und Farben sei entscheidend, doch sobald die Farbe auf der Leinwand erscheine, lasse er den Prozess selbst wirken – eine Haltung, die seine Werke prägt und ihnen ihre besondere Lebendigkeit verleiht.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Die Ausstellung kann noch bis Ende August zu den Öffnungszeiten der IHK-Rheinhessen, Mainz, Schillerplatz 7, besucht werden.
Infos: Ausstellung Stefan Bayerl
Tipp: Erwin Pelzig mit seinem neuem Programm „Wer wir werden“ auf Deutschlands Bühnen, unter anderem am 19.September 2026 im Frankfurter Hof. Website https://pelzig.de/
