Geschichte im Spiegel des Politischen Plakats – Landtag eröffnet Teil 2 „Politische Plakate 1945 – 1991“ der Ausstellung „Politische Plakate: Unter Druck (1918-1991)

Landtagspräsidentin Astrid Wallmann. „Kaum ein anderes Medium kann politische Geschichte so anschaulich vermitteln wie das Plakat, das zugleich stilistisch und ästhetisch ein Spiegelbild seiner Zeit ist.“ © Foto Diether v. Goddenthow

In Zusammenarbeit mit dem Museum Wiesbaden und im Rahmen „80 Jahre Hessen“ zeigt der Hessische Landtag ab 18. März 2026 im Foyer die Ausstellung „Politische Plakate 1945–1991“ und präsentiert damit den zweiten Teil der Schau „Unter Druck – Politische Plakate 1918–1933“. Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Frage: Was ist überhaupt ein Wahlplakat? In den nach folgenden Sparten geordneten Bereichen „Köpfe“, „Themen“, „Formen“ und „Innovationen“ zeichnet sie die Entwicklung politischer Plakatgestaltung in Deutschland vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur ersten Landtagswahl in Hessen nach der deutschen Wiedervereinigung 1991nach. Dabei wird nicht nur die Geschichte eines grafischen Mediums erzählt, sondern zugleich ein Überblick über mehr als siebzig Jahre deutscher Politik- und Gesellschaftsgeschichte gegeben. Die Plakate spiegeln politische Konflikte, Ideologien und gesellschaftliche Stimmungen ihrer jeweiligen Zeit wider. Die Ausstellung ist ein Projekt es World Design Capital 2026.

Politische Plakate sind darauf ausgelegt, im öffentlichen Raum Aufmerksamkeit zu erzeugen und Botschaften schnell verständlich zu vermitteln. Sie müssen unmittelbar wirken, Emotionen ansprechen und politische Positionen klar formulieren. Ziel ist es, Wählerinnen und Wähler zu überzeugen, zu mobilisieren oder auch bewusst zu provozieren. Parteien konkurrieren dabei um Sichtbarkeit und Wirkung im öffentlichen Raum.

Die gemeinsame Ausstellung umfasst zwei historische Zeiträume: Während das Museum Wiesbaden noch bis August Plakate aus den Jahren 1918 bis 1933 zeigt, widmet sich der Hessische Landtag der politischen Plakatkultur nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1991. Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird lediglich am Rand behandelt, da politische Plakate in dieser Phase ausschließlich staatlicher Propaganda dienten und kein politischer Wettbewerb mehr existierte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich das politische Plakat zu einem zentralen Instrument politischer Kommunikation. In der jungen Weimarer Republik prägten politische Konflikte, soziale Krisen und ideologische Gegensätze die öffentliche Debatte. Diese Spannungen spiegelten sich auch in der Bildsprache wider: drastische Darstellungen, emotionale Appelle und teils aggressive Propaganda waren charakteristisch. Parteien und politische Bewegungen nutzten Plakate, um Anhänger zu mobilisieren oder politische Gegner zu diskreditieren.

Gleichzeitig entstanden neue Zielgruppen. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1918 richteten sich erstmals zahlreiche Wahlplakate gezielt an Frauen und griffen Themen wie Familie, Sicherheit oder soziale Verantwortung auf. Die Ausstellung zeigt damit auch, wie politische Kommunikation gesellschaftliche Rollenbilder widerspiegelt und beeinflusst. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Künstlerinnen und Künstlern in der politischen Gestaltung. Neben bekannten männlichen Plakatgestaltern engagierten sich auch Künstlerinnen politisch. Besonders eindrucksvoll sind Arbeiten von Käthe Kollwitz, die soziale Ungerechtigkeit und politische Missstände künstlerisch sichtbar machte.

Nach 1945 entwickelte sich das politische Plakat in der Bundesrepublik und auch in Hessen deutlich weiter. Wirtschaftlicher Aufschwung und neue Drucktechniken ermöglichten größere Formate und professionellere Kampagnen. Gestalterisch verlagerte sich der Fokus zunehmend von komplexen Bildszenen hin zu Porträtfotografien von Politikerinnen und Politikern sowie kurzen, prägnanten Slogans. Wahlplakate wurden stärker personalisiert und orientierten sich an modernen Werbestrategien.

Kurator Nikolas Werner Jacobs, © Foto Diether v. Goddenthow

Kurator Nikolas Werner Jacobs betont, dass die Ausstellung auch die ursprüngliche Nutzung der Plakate sichtbar machen wolle. Heute erscheinen die gerahmten Exponate beinahe wie Kunstwerke in einer Galerie, doch ursprünglich waren sie Straßenobjekte: Sie hingen im öffentlichen Raum, waren Wind und Wetter ausgesetzt und Teil eines intensiven politischen Wettbewerbs. Historische Fotografien aus dem Hessischen Staatsarchiv zeigen etwa Plakate Wahlkämpfe der 1950er Jahre, in denen öffentliche Plätze nahezu vollständig mit Plakaten bedeckt waren. Der Schlossplatz in Wiesbaden während des Landtagswahlkampfs 1958 etwa wirkte wie ein dichter „Schilderwald“ – ein Hinweis darauf, dass politische Werbung im öffentlichen Raum früher noch präsenter war als heute, was subjektiv jedoch oftmals ganz anders empfunden werde, so Jacobs. Wie oft höre man „es würde immer schlimmer mit den Wahlplakaten“. Aber bis heute seien Wahlplakte doch mit die zentralen und wichtigsten Werbeträger von Parteien, ja und sogar für Wahlkämpfe, Denn bedenke man, dass bei der Kommunalwahl am Wochenende gerademal die Wahlbeteiligung gerademal bei 47,5 Prozent lag, wäre sie ohne Wahlplakate in Städten und Gemeinden womöglich noch geringer ausgefallen, weil manch einer gar nicht gewusst hätte, das „Wahlzeit“ ist.

Die Ausstellung verdeutlicht zugleich, dass manche Plakate über ihre politische Funktion hinaus zu Kunstobjekten wurden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist ein Großflächenplakat aus dem hessischen Landtagswahlkampf 1970 mit Alfred Dregger und seiner Mannschaft. Das ursprünglich aus einzelnen Teilen zusammengesetzte sogenannte „Wesselmänner“-Plakat existiert heute nur noch als fotografische Dokumentation. Seine dynamische Gestaltung, die an die Aufbruchsstimmung der Zeit nach der Mondlandung erinnert, war so prägend, dass es 1972 auf der documenta 5 in Kassel in einem künstlerischen Kontext ausgestellt wurde – ein Beispiel dafür, wie Wahlplakate auch internationale Kunstgeschichte berühren können.

Ab 18. März 2026 im Hessischen Landtag: Die Ausstellung „Politische Plakate: Unter Druck“ von 1945 bis 1991. © Foto Diether v. Goddenthow

Die Ausstellung macht deutlich, dass politische Plakate Geschichten erzählen und historische Entwicklungen anschaulich vermitteln können. Sie ist im Rahmen von Führungen zugänglich; Gruppen können sich anmelden, zudem werden öffentliche Führungen angeboten. Auch bei der „Kurzen Nacht der Galerien und Museen“ wird die Ausstellung geöffnet sein.

Landtagspräsidentin Astrid Wallmann betont, wie sehr sich die hessische Landesregierung freue, die Ausstellung im Parlament präsentieren zu können. Gerade im Rahmen des Kulturabends unter dem Motto „Design und Gestaltung“ passe sie besonders gut ins Landesparlament. Kaum ein anderes Medium könne politische Geschichte so anschaulich vermitteln wie das Plakat, das zugleich stilistisch und ästhetisch ein Spiegelbild seiner Zeit sei. Die Ausstellung zeige eindrucksvoll, wie sehr sich Gestaltung, Botschaften und politische Kommunikation im Laufe der Jahrzehnte verändert haben – und wie viel Zeitgeschichte hinter einem Thema steckt, das auf den ersten Blick unscheinbar wirken mag, so die Landtagspräsidentin.

Auch heute, trotz wachsender Bedeutung digitaler Medien, hat das politische Plakat seine Relevanz nicht verloren. Es prägt weiterhin den öffentlichen Raum und bleibt ein wichtiges Instrument politischer Kommunikation.

(Hessischer Landtag / Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)

Führungstermine durch die Ausstellung im Landtag

Geöffnet in der Kurzen Nacht der Galerien und Museen am 11. April 2026 von 19 bis 24 Uhr

siehe auch „Unter Druck“ – Politische Plakate der Weimarer Republik ab 6. Feb 2026 im Museum Wiesbaden