
Frankfurt gilt seit Jahren als einer der wichtigsten digitalen Knotenpunkte Europas. Mit einer hohen Dichte an Rechenzentren und dem Internetknoten DE-CIX verfügt die Region über eine Infrastruktur, die für Cloud-Dienste, Finanzmärkte und datengetriebene Geschäftsmodelle zentral ist. Doch angesichts steigender Nachfrage nach Rechenleistung, wachsender Regulierung und begrenzter Flächen stellt sich zunehmend die Frage: Wie kann Frankfurt seine Rolle als europäische Digitalhauptstadt sichern?
Diese Frage stand im Mittelpunkt der Veranstaltung „Wie geht es weiter mit der europäischen Digitalhauptstadt?“ der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main am 6. März. Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und digitaler Infrastruktur diskutierten über die Zukunft der Rechenzentren und die Rahmenbedingungen für den Digitalstandort Rhein-Main.
Mehr Offenheit für die Digitalwirtschaft
Volker Ludwig, Vizepräsident der IHK Frankfurt, forderte von der Politik mehr Offenheit gegenüber Unternehmen der Digitalwirtschaft.
„Wir wünschen uns von den politischen Entscheidern mehr Offenheit und Verständnis für die Belange der Digitalwirtschaft“, sagte Ludwig. Die gesamte Region profitiere wirtschaftlich davon, als „europäische Digitalhauptstadt“ zu gelten.
Damit das Wachstum der Branche weiter zur regionalen Wertschöpfung beitragen könne, brauche es jedoch einen flächendeckenden Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur. Dazu gehöre auch eine dezentrale Ansiedlung von Rechenzentren, um etwa Synergien zwischen Abwärmenutzung, Quartiersentwicklung und kommunaler Wärmeplanung zu nutzen.
Rechenzentrumskapazitäten seien heute für nahezu alle Wirtschaftsbereiche unverzichtbar – von der Finanzwirtschaft bis zu Start-ups im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig wachse die Nutzung digitaler Dienste im Alltag und in Unternehmen schneller als die dafür notwendige Infrastruktur.
Rechenzentren als Rückgrat der digitalen Transformation
Auch die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus betonte die zentrale Rolle der Branche.
„Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Transformation und Voraussetzung für digitale Souveränität“, erklärte die Ministerin. Gleichzeitig gebe es bei neuen Standorten Herausforderungen wie Flächenverfügbarkeit, Wasserverbrauch oder Stromanschlüsse.
Um Hessen als führenden Rechenzentrumsstandort Kontinentaleuropas zu sichern, arbeite die Landesregierung derzeit an einer regionalen Rechenzentrumsstrategie. Diese solle Leitplanken für eine nachhaltige und leistungsfähige Rechenzentrumslandschaft setzen und zugleich eine bessere Integration in Stadt- und Regionalentwicklung ermöglichen.
Wirtschaft braucht Planungssicherheit
Für Unternehmen spielen leistungsfähige Rechenzentren eine zentrale Rolle im operativen Geschäft.
Michael Girg, Executive Director und Chief Cloud Officer bei der Deutsche Börse AG, betonte die Bedeutung stabiler und zuverlässiger Infrastruktur für internationale Kapitalmärkte.
Die Börsenorganisation treffe Entscheidungen über Rechenzentrumskapazitäten nach wirtschaftlichen, regulatorischen und nachhaltigkeitsbezogenen Kriterien. Dabei sei Planungssicherheit ein entscheidender Faktor. Für den sicheren Betrieb der Märkte müssten Rechenzentren in technisch sinnvoller Entfernung zueinander liegen, um Anforderungen an Latenz, Resilienz und Verfügbarkeit zu erfüllen.
Standortfaktor im internationalen Wettbewerb
Auch aus Sicht der Internetwirtschaft ist der Ausbau digitaler Infrastruktur entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.
Alexander Rabe, Geschäftsführer des eco – Verband der Internetwirtschaft, betonte, dass Frankfurt und die Rhein-Main-Region heute der größte Rechenzentrumsstandort der EU seien. Dies sei das Ergebnis langfristiger Investitionen und stabiler Rahmenbedingungen.
Rechenzentren erzeugten weit mehr als direkte Arbeitsplätze: Studien zeigten Wertschöpfungseffekte in dreistelliger Milliardenhöhe durch sogenannte Spill-over-Effekte. Ohne leistungsfähige digitale Infrastruktur seien weder KI-Anwendungen noch Cloud-Services oder datengetriebene Geschäftsmodelle möglich.
Kommunale Entscheidungen, die den Ausbau neuer Kapazitäten verhindern, sendeten daher ein kritisches Signal im internationalen Wettbewerb. Gleichzeitig könnten moderne Rechenzentren durch Abwärmenutzung einen Beitrag zu Klimazielen und nachhaltiger Wärmeversorgung leisten.
Frankfurt als digitales Herz Europas
Die besondere Rolle der Region hob auch Thomas King, CTO der DE-CIX Group AG, hervor.
Frankfurt sei mit dem Internetknoten DE-CIX das digitale Herz Deutschlands und Europas. Ein eng verzahntes Ökosystem aus Rechenzentren und Netzinfrastruktur ermögliche schnelle und effiziente Datenübertragung. Kurze Wege reduzierten die Latenz und seien entscheidend für Anwendungen wie Cloud-Services, KI oder Finanztransaktionen.
Um diesen Standortvorteil zu erhalten, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, weiterhin in digitale Infrastruktur zu investieren.
Infrastruktur und Innovation zusammenbringen
Neben der Infrastruktur spielt auch die Anwendung digitaler Technologien eine zentrale Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung.
Robin Schmidt, Geschäftsführer des House of Digital Transformation e.V., betonte, dass Infrastruktur allein noch keine Wertschöpfung garantiere. Entscheidend sei, technologische Möglichkeiten mit konkreten Anwendungen zu verbinden – etwa in Bereichen wie KI oder Quantencomputing.
Frankfurt und Hessen hätten dafür hervorragende Voraussetzungen: eine leistungsfähige Infrastruktur, international vernetzte Wirtschaftsstrukturen sowie eine starke Hochschul- und Forschungslandschaft. Ziel müsse es sein, innovative Ideen schneller in skalierbare und marktfähige Projekte zu überführen.
Die Zukunft der europäischen Digitalhauptstadt
Die Diskussion bei der IHK zeigte deutlich: Frankfurt verfügt über eine einzigartige digitale Infrastruktur und ein starkes Ökosystem aus Wirtschaft, Forschung und Technologie.
Damit die Region ihre Rolle als europäische Digitalhauptstadt langfristig behaupten kann, braucht es jedoch klare politische Rahmenbedingungen, Planungssicherheit für Investitionen und eine strategische Einbindung von Rechenzentren in Energie-, Stadt- und Regionalentwicklung.
Denn die Zukunft der digitalen Wirtschaft entscheidet sich nicht nur in Rechenzentren – sondern auch in der Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow /RheinMainKultur.de)
