
© Messe Karlsruhe Foto: Carlotta Roob
Die art karlsruhe, die Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst, findet noch bis 8. Februar auf dem Messegelände in Rheinstetten bei Karlsruhe statt. Das Organisationsteam um die Kuratoren Olga Blaß und Kristian Jarmuschek verantwortet die Messe nun bereits zum dritten Mal und setzt weiterhin auf behutsame Weiterentwicklung des von Ewald Karl Schrade 2004 begründeten Konzepts. Dabei sind diesmal rund 180 Galerien aus 17 Ländern, davon kommen knapp 30 Prozent aus dem Ausland. Sie zeigen in den lichtdurchfluteten Hallen der Messe Karlsruhe zwei- und dreidimensionale Kunstwerke aus unterschiedlichsten Materialien und bieten einen umfassenden Überblick über 125 Jahre internationalen Kunstschaffens. Neben den 18 Skulpturenplätzen und dem Skulpturengarten im Atrium finden sich zusätzlich 22 „Skulpturenspots“ in den Umgängen des Innenhofs. So rücken die bildhauerischen Arbeiten ganz besonders in den Fokus.
In Halle 1 zeigen etablierte Galerien und Kunsthändler hochkarätige Werke der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst, teils mit musealer Qualität. Halle 2, „Kunst nach 1945 und Gegenwartskunst“, kombiniert Kunst der Nachkriegsmoderne mit Positionen der Gegenwartskunst. In Halle 3 findet sich die Präsentation von privaten Sammlungen und Sonderschauen, hier gibt es Talks und Preisverleihungen. Halle 3 bietet beispielsweise den paper:square für Arbeiten auf und mit Papier; außerdem präsenteren sich dort Institutionen aus dem Kunstbereich wie das ZKM, Kunstakademien und Kunstvereine. Karlsruhe stellt sich als UNESCO Creative City of Media Arts vor. Halle 4 lädt unter dem Titel „Discover Contemporary Art“ zum Entdecken zeitgenössischer Positionen ein.

Den Machern der Messe geht es auch darum, neue Generationen von Sammlern anzusprechen. Mit dem start:block, der Werkvorschläge für Einsteigerinnen und Einsteiger präsentiert, dem paper:square, der sich der Vielfalt des Mediums Papier widmet, und dem academy:square, der Absolventinnen und Absolventen baden-württembergischer Kunsthochschulen sichtbar macht, setzt die Messe konkrete Anreize für eine neue Sammlergeneration. Höhepunkt dieses Engagements war der von der Landesbank Baden-Württemberg gestiftete LBBW academy:square award, der jetzt zum ersten Mal die überzeugendste Position in diesem Bereich auszeichnete. Der erste LBBW academy:square award wurde am Messemittwoch verliehen und ging an den Absolventen der Staatlichen Akademie Karlsruhe, Felix Wagner. Er darf sich über einen Ankauf für die renommierte Sammlung der LBBW freuen.
Weitere Preisverleihungen gehören zum Programm der art karlsruhe. Insgesamt 74 Galerien widmen sich in One-Artist-Shows gezielt dem künstlerischen Schaffen einzelner Künstlerinnen und Künstler. Jede One-Artist-Show der Messe ist automatisch für den art karlsruhe Preis nominiert. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung ging in diesem Jahr an die amerikanische Künstlerin Shanee Roe, deren Gemälde die Galerie Kornfeld in einer Einzelpräsentation zeigt. Mit dem Preisgeld werden Werke der New Yorker Künstlerin angekauft und in die art karlsruhe Collection im Kunstmuseum Karlsruhe aufgenommen. Bei insgesamt 74 Einzelpräsentationen kann man sich allerdings fragen, warum die Wahl, wie 2025, erneut auf eine Künstlerin der Berliner Galerie Kornfeld gefallen ist. Zufall?
Der von der L-Bank gestiftete Loth-Skulpturenpreis würdigt die herausragendste Präsentation der sculpture:squares. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird am Freitagabend verliehen. Das Preisgeld kommt jeweils zur Hälfte der Künstlerin oder dem Künstler und der Galerie zugute.
Das Format re:discover der art karlsruhe macht Künstlerinnen und Künstler wieder sichtbar, die zu Unrecht gerade nicht die Aufmerksamkeit des Kunstmarktes haben. So soll der gegenwärtigen und kunsthistorischen Bedeutung von vergessenen noch lebenden Kunstschaffenden mehr Raum gegeben werden. Insgesamt 20 Positionen sind im Format re:discover in den Galeriekojen wiederzuentdecken, darunter Vera Mercer, die mit dem verstorbenen Daniel Spoerri verheiratet war der im Rhein-Main-Gebiet lebende Kevin Clarke sowie der für seine Nashörner in Bronze bekannte Johannes Brus, zu dessen Studierenden Katharina Grosse, Karin Kneffel und Tim Berresheim zählen. Im Bereich re:frame werden Künstlernachlässe und der behutsame, wertschätzende und vermittelnde Umgang mit ihnen vorgestellt. Zu den bekannteren Positionen gehört hier definitiv Norbert Tadeusz, dessen Nachlass von Brennecke Fine Art aus Berlin vertreten wird. Die beiden Formate re:discover und re:frame unterstreichen: Sichtbarkeit ist nicht selbstverständlich. Sie entsteht durch Engagement, Dialog und den Mut, Wege auch abseits des Mainstreams zu ermöglichen.
Die art karlsruhe hat mehrere kuratierte Sonderausstellungen zu bieten. Unter dem Titel Digital Traces zeigt die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) Positionen zur digitalen Gegenwart, von Niko Abramidis & NE bis Corinne Wasmuht.
Eine von Stefanie Patruno, der Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe, kuratierte Ausstellung würdigt das Werk des Karlsruher Künstlers Rolf Behm. Und die Sammlung Dietmar Kohlrusch bringt zentrale Werke der Pop Art, darunter Andy Warhol, Keith Haring und Roy Lichtenstein, erstmals in einer öffentlichen Schau nach Karlsruhe.

Die diesjährige art karlsruhe ist auch nach zwei Jahren unter neuer Messeleitung ihrem Motto treu geblieben, der Skulptur und der Plastik einen besonderen Platz der Präsentation einzuräumen. Neben den berühmten 18 Skulpturenplätzen, die jetzt etwas internationaler sculpture:squares heißen, gibt es auch viele kleine Skulpturen in den Kojen zu sehen. So musste man nicht lange suchen, und man entdeckte ein kleines Bronze-Nashorn von Johannes Brus bei der Galerie Judith Andreae. Die Bonner Galerie zeigt Werke von Johannes Brus im Format re:discover. Kenner der Bildhauerei wissen, dass solch ein Brus-Nashorn etwas Besonderes ist. So kostete das kleine Objekt mit knapp 30 cm Länge auch 13.500 Euro. Weiter ging es zur Galerie Tobias Schrade sowie zur Galerie Filser und Gräf, die mit einer Vielzahl von Holzskulpturen von Jessi Strixner aufwarten. Die junge Bildhauerin aus Süddeutschland besticht mit Textilien, die aus Holz gefertigt sind und täuschend echt aussehen. Da gibt es Unterwäsche, Tennissocken, Pullover, eine Handtasche, sogar einen vermeintlich mit Müll gefüllten Plastiksack oder Gummihandschuhe. Es ist schon erstaunlich, zu was für einer Anmutung die Künstlerin mit dem Material Holz kommt. Natürlich sind die Skulpturen farbig gefasst, um die Illusion zu komplettieren. Sie unterscheiden sich optisch so gut wie gar nicht vom Original. Ein schönes Spiel mit Realität und Täuschung.
Weiter ging es zum Skulpturenplatz der Galerie Barbara von Stechow, die wieder einmal mit großen Stahlplastiken von Bruno Feger glänzte. Eine monumentale Arbeit, es ist ein Tulpenstrauß mit seinen Maßen, 4 x 3,5 x 3,2 Meter, beeindruckt sehr. Aber es gibt auch handlichere Plastiken, wir kennen die Zitronen, die Kirschen und andere florale Arbeiten, zu denen auch immer der vom Künstler geschweißte Stahlsockel gehört.
Ein weiteres Schwergewicht der Stahlbildhauerei ist Robert Schad, diesmal allerdings zeigt die Galerie Schlichtenmaier auf einem Skulpturenplatz auch Arbeiten, die in der Horizontalen angelegt waren. Das sind Arbeiten, die man sonst eher selten sieht.
Zurück in die Kojen: Wunderschön sind die beiden kleinen Fohlen von Rene Sintenis bei der Galerie Ludorff. Die Künstlerin ist ja bekannt dafür, dass sie Tierbronzen im kleinen Format angefertigt hat. Die Lebzeitengüsse steigen auch weiter im Wert. Mit diesen Tierplastiken kann man eine Lücke zwischen August Gaul und dem Italiener Rembrandt Bugatti schließen, zumindest preislich.

Eine Überraschung war eine Bodenarbeit, die als Stahl-Puzzle angelegt ist. Das Kunstwerk ist von Georg-Friedrich Wolf, vertreten durch die Zürcher Galerie Reitz. Solche Arbeiten waren 2016 im Skulpturenpark Mörfelden-Walldorf zu sehen und im vergangenen Jahr bei den Blickachsen in Bad Homburg.
Zwei Holzbildhauer sind uns noch auf der art karlsruhe aufgefallen. Daniel Wagenblast ist bei der Galerie Alfred Knecht mit einer neuen Gruppe seiner Handreichungen vertreten. Die kleinen Skulpturen zum Stückpreis von 1.250 Euro wa¬ren an aufeinander gestapelten Pappkartons befestigt, eine neue, aber durchaus zweckmäßige Art der Präsentation.
Zu erwähnen ist noch der Holzbildhauer Jozek Nowak. Er hat Künstler als Skulpturen dargestellt: Man erkennt also in Lebensgröße z. B. die Künstler Markus Lüpertz, Anthony Gormley, Gerhard Richter, Andy Warhol, Pablo Picasso, Alberto Giacometti und Sean Scully. Eigentlich eine erstaunliche Sache, dass dies noch kein anderer Bildhauer so konsequent umgesetzt hat. Bildhauer als Holz-Skulptur, warum nicht?
Eine kleine Überraschung waren Gips-Arbeiten von Thomas Judisch. Sein Galerist ist u. a. Verleger des Kunstmagazins Art Mapp. Judisch hat die typischen Kaffee-to-go-Becher aus pastellig gefärbtem Gips in Originalgröße geschaffen. Er nennt diese Unikate in Auflage wörtlich „Morandis Erben“. Wir musste spontan lachen, als wir das sahen. Kunst muss ja nicht immer hochtrabend und ernst sein, sie darf auch einfach nur Spaß machen. Im Anschluss ergab sich noch ein schönes Gespräch mit dem Galeristen und Verleger Reiner Brouwer höchstpersönlich.

© Messe Karlsruhe Foto: Carlotta Roob
Erwähnenswert fanden wir noch die sehr plastisch anmutenden Werke von Stefan Bircheneder, die uns schon im letzten Jahr gut gefielen: Etwa Metallspinde, wie sie zur Aufbewahrung von Kleidung und Arbeitsutensilien in Umkleiden und Pausenräumen stehen, oder eine analoge Uhr, die in einer Werkshalle hängen könnte. Stefan Bircheneder stellt sie in fotorealistischer Manier auf Leinwand dar, aber auf 5 bis 7,5 cm starken Keilrahmen, wodurch eine sehr plastische Wirkung erzeugt wird.
Wobei wir wieder bei den Arbeiten von Jessi Strixner wären, diese allerdings aus Holz. Und auch bei Thomas Judisch zeigt sich diese Freude daran, durch die Verwendung anderer Materialien einen Verfremdungseffekt zu erzielen und das Publikum einzuladen, genauer hinzusehen.
Und genau das können die Besucherinnen und Besucher der diesjährigen art karlsruhe tun: Die Messe ist am Samstag, dem 7. Februar, von 11 bis 19 Uhr und am Sonntag, dem 8. Februar, von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Vom HBF Karlsruhe zum Messegelände und zurück verkehren Shuttlebusse.
Während der art karlsruhe gibt es ein umfangreiches Programm mit Gesprächen über Themen, die für Kunstsammler und -interessierte relevant sind. Ein Blick ins Programm lohnt sich. Die Messe strahlt auch in die Stadt aus: Am Samstag zwischen 19 und 22 Uhr können Kunstfans bei der Gallery Night sieben Galerien in Karlsruhe erkunden.
Im kommenden Jahr findet die art karlsruhe vom 18. bis 21. Februar 2027 statt.
((Jutta Ziegler/Dr. Carsten D. Siebert – RheinMainKultur.de)
