
Spürbarer, rascher Bürokratieabbau in Europa und Deutschland stand im Zentrum des Jahresempfangs der Wirtschaft, zu dem am 2.02.2026 mehrere tausend Gäste in die bis auf den letzten Platz ausgebuchte Rheingoldhalle zusammenkamen. Der Jahresempfang der Wirtschaft ist das größte Treffen der regionalen Wirtschaft in Deutschland. Er wird von 15 Kammern und Institutionen des Mittelstands, des Handwerks, der freien Berufe und der Landwirtschaft aus Rheinland-Pfalz getragen. Er bot Raum für Austausch über die wirtschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart – und über die Rolle Europas in einer sich wandelnden Welt.
Im Fokus des Abends stand die klare Forderung der Wirtschaft nach spürbarer Entlastung: Bürokratie müsse konsequent, messbar und schnell abgebaut werden – auf europäischer wie auf nationaler Ebene. Unternehmen bräuchten wieder mehr Handlungsspielräume, schnellere Verfahren und verlässliche Rahmenbedingungen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Im Fokus des Abends stand die klare Forderung der Wirtschaft nach spürbarer Entlastung: Bürokratie müsse konsequent, messbar und schnell abgebaut werden – auf europäischer wie auf nationaler Ebene. Unternehmen bräuchten wieder mehr Handlungsspielräume, schnellere Verfahren und verlässliche Rahmenbedingungen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.
Wirtschaft spürt von Entlastung bislang zu wenig

In seiner Begrüßung machte IHK-Präsident Dr. Marcus Walden deutlich, dass 2026 ein Jahr der Bewährungsproben für Politik, Verwaltung und Wirtschaft sei. Trotz zahlreicher Ankündigungen zum Bürokratieabbau erlebten viele Unternehmen weiterhin das Gegenteil: neue Vorgaben, wachsende Dokumentationspflichten und immer komplexere Auslegungen bestehender Regeln – auf nationaler wie europäischer Ebene.
Der vielzitierte Bürokratiewahnsinn zeige sich nicht nur in großen Gesetzen, sondern vor allem im betrieblichen Alltag. Und er scheine kein Ende zu nehmen. Nicht nur würden bestehende Regelungen selten vereinfacht oder abgeschafft – auch im Jahr 2025 sei erneut Neues hinzugekommen.
Walden verdeutlichte dies mit einem bewusst plastischen Beispiel:
„Ein Beispiel: eine einfache Karotte.
Der Umgang mit Obst und Gemüse hat in der Europäischen Union Tradition. Seit 2025 gilt eine neue EU-Verordnung mit Vermarktungsnormen für frisches Obst und Gemüse. Seither müssen sogar küchenfertige Karottensticks im Handel gekennzeichnet werden – mit Herkunft, Erntegebiet und Qualitätsklasse.
Nicht mehr nur die klassische Ein-Kilo-Packung Möhren, sondern auch die kleinen Karottensticks als Snack zwischendurch.
Stellen Sie sich vor: Sie betreiben einen kleinen Supermarkt. Sie erhalten morgens küchenfertige Karottensticks – geschält, geschnitten, abgewogen. Ideal für Salate, Snacks oder schnelle Gemüsegerichte.
Früher stand auf der Verpackung schlicht:
‚Karottensticks – 2,50 Euro pro Packung.‘ Seit 2025 heißt es:
Frische Karottensticks, Herkunft: Spanien, Erntegebiet: Andalusien. Qualitätsklasse: Klasse 1, EU-Handelsnorm eingehalten.
Und bitte keine irreführenden Qualitätsangaben – also besser nicht ‚besonders knackig‘, wenn sie einfach nur knackig sind.
Die Karotte selbst hat sich nicht verändert. Sie ist nicht süßer, nicht gesünder, nicht knackiger geworden. Aber nach EU-Recht ist sie nun ein reguliertes Marktprodukt. Herzlichen Glückwunsch.
Die Karotte weiß jetzt genau, woher sie kommt. Der Kunde wollte eigentlich nur einen schnellen Snack.
Ich will das Beispiel von Bananen, Gurken und – wir reden hier über eine Neuregelung im Jahr 2025 – Karotten nicht weiter vertiefen. Es ist symptomatisch. Eine Regelung wird zwar angefasst, was grundsätzlich positiv ist. Doch statt sie abzuschaffen, wird ihr Anwendungsbereich am Ende noch ausgeweitet.“
Selbstverständlich, so Walden, habe ein Teil der Vorschriften seine Berechtigung – etwa im Verbraucherschutz, bei Lebensmittelsicherheit oder Transparenz. Aber auch hier gelte: Gut gemeint sei nicht immer gut gemacht. In der Summe sei es kein Bürokratieabbau, wenn einzelne Regelungen entfielen oder vereinfacht würden, gleichzeitig aber die Anwendung bestehender Vorschriften immer weiter verschärft werde.
Drei zentrale Forderungen der Wirtschaft
Mit Blick auf die anstehende Landtagswahl formulierte Walden drei Kernforderungen:
- Bürokratieabbau muss politischer Standard werden, nicht Ausnahme.
- „Eine neu – zwei raus“ sollte zum verbindlichen Grundprinzip jeder Regulierung werden.
- Verwaltung muss ermöglichen statt nur kontrollieren – prüfen, wo es nötig ist, und vor allem ermöglichen, wo es möglich ist.
Mut zum Streichen sei oft schwieriger als neue Regeln zu schaffen. Wenn wirklich Fortschritte erzielt werden sollten, brauche es mutigere Entscheidungen – auch unbequeme. Besser eine Entscheidung, die etwas bewege, als gar keine.
Walden brachte es auf den Punkt: Beim Bürokratieabbau gebe es Bewegung, doch Bewegung allein reiche nicht, wenn sie in den Betrieben nicht ankomme. 2026 entscheide sich, ob aus guten Absichten echte Entlastung werde. Europa und Deutschland bräuchten weniger Detailsteuerung und mehr Mut zur Entscheidung.
Europa zwischen Wettbewerbsdruck und Regulierungsdichte

Hauptredner des Abends war Jean-Claude Juncker, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission. Er warb für ein starkes, geeintes und wirtschaftlich wettbewerbsfähiges Europa. Gerade angesichts geopolitischer Spannungen brauche es mehr europäische Geschlossenheit, weniger nationale Alleingänge und verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen.
Europa verliere wirtschaftlich an Gewicht, während andere Weltregionen an Dynamik gewönnen. Umso wichtiger seien klare Prioritäten, strategische Industriepolitik und ein regulatorisches Umfeld, das wirtschaftliche Stärke ermögliche statt ausbremse. Ein handlungsfähiges Europa sei Voraussetzung für Stabilität, Wohlstand und sozialen Zusammenhalt.
Podiumsdiskussion: Weniger Regulierung als Standortfaktor

Auch in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Ministerpräsident Alexander Schweitzer, Hans-Jörg Friese (Handwerkskammern Rheinland-Pfalz), Dr.-Ing. Horst Lenz (Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz) und Sabine Maur (Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz) spielte der Bürokratieabbau eine zentrale Rolle – neben Fragen zur wirtschaftlichen Lage und zur Resilienz von Unternehmen und Beschäftigten.
Einigkeit bestand darüber, dass wirtschaftliche Dynamik, Innovationsfähigkeit und Investitionsbereitschaft eng mit der Frage verknüpft sind, wie stark Unternehmen durch bürokratische Vorgaben gebunden werden. Spürbare Entlastungen im Alltag der Betriebe seien deshalb ein entscheidender Standortfaktor.
(IHK-Rheinhessen – Dokumentation Diether von Goddenthow RheinMainKultur.de)
Infos IHK-Rheinhessen
