
Bilder prägen Meinungen – heute in sozialen Medien, vor über 100 Jahren auf Litfaßsäulen. Wie stark visuelle Kommunikation politische Stimmungen beeinflussen, Emotionen schüren und Feindbilder erzeugen kann, zeigt die neue Ausstellung „Unter Druck“ im Museum Wiesbaden.
Vom 6. Februar bis 9. August 2026 präsentiert das Museum rund 80 politische Plakate aus den Jahren 1918 bis 1933 aus der Sammlung des Wiesbadener Sammlers Maximilian Karagöz. Die Kabinettausstellung ist die dritte. Sie richtet den Fokus auf die Weimarer Republik – eine Zeit intensiver gesellschaftlicher Spannungen, politischer Radikalisierung und medialer Umbrüche. Vor 1914 war politische Plakatierung in großen Teilen Deutschlands verboten. Erst der Erste Weltkrieg machte das Plakat zu einem zentralen politischen Medium – vor allem für die Kriegspropaganda. Mit der Weimarer Republik begann die Blütezeit des politischen Plakats: Parteien, Verbände und Bewegungen prägten das Straßenbild mit neuen Formen der visuellen Werbung.
Design, Demokratie und die Straße als Bühne
Die Ausstellung steht im Kontext eines internationalen Designjahres:
Die Region Frankfurt RheinMain ist 2026 World Design Capital. Unter dem Motto „Design for Democracy“ beleuchtet die Region die gesellschaftliche Verantwortung von Gestaltung.
„Das Motto bewegt uns dazu, gemeinsam mit dem Hessischen Landtag die Kunst der Straße in Form politischer Plakate zu zeigen. Unser Beitrag ist die Plakatgestaltung während der Weimarer Republik“, sagt Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden.
Im Juli folgt als zeitgenössischer Kontrapunkt das Projekt „Women & Type“, das mit einem „Call for Flags“ auf der Wilhelmstraße aktuelle visuelle Bildsprachen internationaler Grafikerinnen und Typedesignerinnen in den öffentlichen Raum bringt, so Museumsdirektor Dr. Andreas Henning, beim Presserundgang.
Vom Jugendstil zur politischen Propaganda

Das Plakat war bereits um 1900 ein zentrales Ausdrucksmittel des Jugendstils. Der Jugendstil war eine revolutionäre Bewegung junger Künstler, die mit ihrer neuen Kunstrichtung die Gesellschaft verändern wollte. Das Museum Wiesbaden, seit der Jugendstil-Schenkung von Ferdinand Wolfgang Neess an das Museum Wiesbaden, ein Zentrum des Jugendstils, Art Nouveau und Symbolismus, widmete dem Plakat bereits zwei Ausstellungen, nämlich die Dauerausstellung im Treppenhaus, beginnend mit deutsch-französischen Jugendstil-Plakaten, und die Sonderausstellung „Plakatfrauen – Frauenplakate“. „Unter Druck“ setzt diese Reihe fort. Dabei konzentriert sich das Museum auf Plakate bis 1933. „Plakate der NS-Zeit haben wir bewusst ausgeschlossen. Sie dienten ausschließlich der Propaganda eines diktatorischen und verbrecherischen Regimes“, so Kurator Peter Forster.
Zur Entwicklung des Plakts
Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Funktion des Mediums grundlegend: Kommerzielle Werbung trat in den Hintergrund, politische Botschaften übernahmen den öffentlichen Raum. „Der November 1918 als Geburtsstunde der Weimarer Republik kann als Beginn der Blütezeit des politischen Plakats bezeichnet werden“, erklärt Kurator Peter Forster.
Plakate prägten das Stadtbild – auf Litfaßsäulen, Bauzäunen, Hausfassaden, Schaufenstern, auf mobilen Propagandawagen oder den Umhängetafeln der sogenannten „Sandwichmen“. Sie wurden größer, farbiger und lauter. Die industrielle Massenproduktion hatte das Plakat bereits zuvor zu einem wirkmächtigen Medium gemacht. Nun wurde es zum politischen Kampfmittel.
Wenn Gestaltung zur Waffe wird
Politische Akteure beauftragten Künstlerinnen und Künstler, Grafikerinnen und Grafiker sowie Typograf:innen, ihre Botschaften visuell umzusetzen. Dabei griffen sie auf Strategien der Werbung zurück – zugespitzte Bildsprache, starke Kontraste, emotionale Ansprache.
Gesellschaftliche Konflikte, Kriegsfolgen, wirtschaftliche Not, Radikalisierung und Propaganda spiegeln sich in den Motiven wider – besonders in Wahlkämpfen. Plakate wurden zur öffentlichen Kampfansage zwischen den Parteien.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete diese visuelle Vielfalt abrupt. „Aus dieser Zeit zeigen wir bewusst keine Plakate mehr, da die politische Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum ausgelöscht wurde“, so Forster.

Ein historischer Blick als Beitrag zur Medienkompetenz
„Unter Druck“ zeigt an diesen künstlerisch hervorragend gestalteten Plakaten mit zumeist drastischen Plakatbotschaften, wie visuelle Kommunikation einst und heute eingesetzt wird – zur Information, zur Einflussnahme und auch zur Manipulation. Die Bandbreite reicht von sachlicher Argumentation bis zu emotionaler Überwältigung und bewusster Irreführung.
Die Ausstellung weist ausdrücklich darauf hin, dass einige der historischen Plakate Darstellungen und Botschaften enthalten, die wir heute als zutiefst problematisch empfinden – geprägt von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus. Gerade deshalb ermöglichen sie eine kritische Auseinandersetzung mit den Mechanismen politischer Bildsprache.
„Es gilt nicht nur, den verführerischen Qualitäten einer ausgeklügelten Propaganda eine klare Haltung entgegenzusetzen, sondern auch, die zugrunde liegenden Methoden zu analysieren. Nur wenn wir die künstlerischen und werbenden Strategien hinter manipulativen Botschaften verstehen, können wir verhindern, dass diese Mechanismen erneut erfolgreich eingesetzt werden.“ erläutert Peter Forster, Kurator
Kooperation mit dem Hessischen Landtag
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Hessischen Landtag, der vom 18. März bis 12. April 2026 politische Plakate ausschließlich aus der Nachkriegszeit aus den Jahren 1945 bis 1991 zeigt. Auf diese Weise spannen beide Häuser einen Bogen von der Weimarer Republik über die Nachkriegszeit bis in die Phase von Kaltem Krieg, Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung. Wie oben schon gesagt, werden keine Plakate aus der NAZI-Zeit gezeigt.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
Zur Ausstellung erscheint im März der sehr gelungene Katalog
„Unter Druck. Politische Plakate 1918–1991“ im Deutschen Kunstverlag.
Er ist mehr als ein Katalog, sondern eine wertvolle Quelle und Dokumentation seltener Plakate des politischen Kampfes vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik und des Wahlkampfes von 1945 – 1991 der jungen Bundesrepublik Deutschland.
