
Gift ist ein zentrales Thema der Natur – faszinierend, gefährlich und zugleich lebenswichtig. Mit der großen Sonderausstellung „GIFT — Tödliche Gaben“ widmet sich das Museum Wiesbaden vom 20. März 2026 bis zum 4. April 2027 diesem vielschichtigen Phänomen erstmals umfassend im Rahmen einer großen Jahresausstellung der Naturhistorischen Sammlungen.
Bereits beim Betreten der Ausstellung werden die Besucherinnen und Besucher von einer zwei Meter großen furchteinflößenden Spinnenskulptur aus Leder zum Anfassen empfangen. Weiter hinten zieht ein von der Decke hängender Abguss eines Narwalzahns die Aufmerksamkeit auf sich: Einst als „Horn des Einhorns“ gedeutet, schrieb man ihm bis in die frühe Neuzeit magische Heilkräfte zu – darunter auch Schutz vor Vergiftungen. Schon zu Beginn wird damit deutlich, wie eng Naturbeobachtung, Mythos und menschliche Vorstellungen von Gift miteinander verwoben sind.
Die Ausstellung zeigt nicht nur die beeindruckende Vielfalt giftiger Organismen, sondern beleuchtet ebenso den menschlichen Umgang mit toxischen Substanzen. Ein Blick in die Medizin verdeutlicht, dass Gifte nicht ausschließlich töten, sondern auch heilen können. Zahlreiche Arzneimittel basieren auf ursprünglich giftigen Stoffen, etwa Digitoxin aus dem Fingerhut. Bereits Paracelsus formulierte den bis heute gültigen Grundsatz: „Alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Mehr als 100, teils einzigartige Exponate hat Hauptkuratorin Katriina Ott M.Sc. für die Ausstellung zusammengetragen und zu einem interdisziplinären Streifzug durch Natur, Kultur und Wissenschaft verbunden. Dabei knüpft die Schau an bestehende Präsentationen des Museums an: Schon im Farbenraum der Dauerausstellung steht etwa die Grüne Mamba sinnbildlich für die faszinierende und zugleich furchterregende Giftigkeit der Tierwelt. Die Sonderausstellung erweitert dieses Thema nun in großer thematischer Breite.
Die Präsentation basiert auf zwei zentralen Bereichen: „Gift und Natur“ sowie „Mensch und Gift“.
Im ersten Ausstellungsteil wird Gift als evolutionäre Überlebensstrategie betrachtet. Tiere, Pflanzen und Pilze nutzen toxische Substanzen zur Jagd, zur Verteidigung oder zur Täuschung. Neben bekannten Gifttieren wie Kobras oder Skorpionen begegnen Besucherinnen und Besucher auch überraschenden Beispielen: Der Plumplori, der einzige giftige Primat, schützt seine Jungtiere, indem er Gift in ihr Fell einreibt. Das Schnabeltier wiederum besitzt einen Giftsporn, den ausschließlich Männchen bei Rivalenkämpfen einsetzen.
„Gift ist eine Strategie. Manche Arten nutzen Gift wie ein Schwert, um Beute schnell zu überwältigen. Andere verwenden es wie ein Schild, um nicht gefressen zu werden“, erklärt Kuratorin Katriina Ott. „In der Ausstellung war es uns wichtig, nicht nur giftige Organismen zu zeigen, sondern auch die Funktion des Giftes verständlich zu machen.“
Eigens für die Ausstellung entstanden im Museum unter anderem ein lebensgroßes Modell einer Seewespe sowie ein Abguss eines Komodowarans. Die Seewespe steht für die Extreme unter den Gifttieren: Ihr hochwirksames Gift kann nach Kontakt mit den Tentakeln innerhalb weniger Minuten lebensgefährlich werden. Der Komodowaran hingegen galt lange als Beispiel für bakterielle Infektionen durch seinen Biss – heute weiß man, dass Giftdrüsen im Unterkiefer eine entscheidende Rolle spielen.

Die Ausstellung widmet sich zudem den komplexen Beziehungen innerhalb von Ökosystemen. Einige Tiere produzieren Gift selbst, andere nutzen fremde Toxine zu ihrem Schutz. Pfeilgiftfrösche etwa lagern Giftstoffe aus ihrer Nahrung in der Haut ein, während der Clownfisch zwischen den Tentakeln der giftigen Seeanemone Schutz findet – ein Beispiel für Symbiose in der Natur.
Der zweite Ausstellungsbereich richtet den Blick auf die Kulturgeschichte des Giftes. Seit jeher nutzt der Mensch natürliche Toxine zur Jagd, für Rituale oder zur Berauschung. Die Ausstellung spannt einen Bogen von indigenen Anwendungen über historische Vergiftungen – vom Schierlingsbecher bis zu arsenhaltigen Alltagsgegenständen – bis hin zu modernen Umweltgiften wie Pestiziden.
Dabei zeigt sich die Ambivalenz giftiger Stoffe besonders deutlich: Pestizide können Ökosysteme schädigen und zugleich zur landwirtschaftlichen Produktion beitragen. Gifte sind weder grundsätzlich gut noch böse – ihre Wirkung hängt von Nutzung, Kontext und Dosierung ab.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Pharmazie. Zahlreiche Medikamente gehen auf toxische Naturstoffe zurück, darunter Wirkstoffe aus Tollkirsche, Fingerhut, Kegelschnecken oder der Krustenechse, deren Gift zur Entwicklung moderner Schmerz- und Diabetesmedikamente beitrug. Sinnbildlich steht ein historischer Apothekerschrank mit 45 Schubladen für diesen Themenbereich und lädt dazu ein, frühere Heilmittel und ihre Bestandteile zu entdecken.
Auch die biologischen Wirkmechanismen von Giften werden verständlich erklärt. Jedes Gift wirkt über spezifische molekulare Prozesse im Körper: Neurotoxine greifen etwa das Nervensystem an und können Atemlähmungen verursachen, während andere Substanzen den Magen-Darm-Trakt schädigen. Interaktive Medienstationen veranschaulichen, wie Gifte in den Körper gelangen und dort ihre Wirkung entfalten.
Der Ausstellungstitel verweist zugleich auf die sprachgeschichtliche Herkunft des Wortes „Gift“, das ursprünglich mit „Gabe“ oder „Geschenk“ verwandt ist – ein Hinweis auf die doppelte Natur toxischer Substanzen zwischen Heilmittel und tödlicher Gefahr.
Als familienfreundliche Ausstellung konzipiert, bietet „GIFT — Tödliche Gaben“ zahlreiche Mitmachstationen, eine 3D-Wand, Rätselbereiche sowie interaktive Vermittlungselemente für Kinder und Erwachsene. Spezielle Programme richten sich an Familien, Schulklassen und Kita-Gruppen; Workshops, Führungen und altersgerechte Texte ermöglichen vielfältige Zugänge zum Thema.
Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Vorträgen, einer Filmreihe in Kooperation mit dem Nassauischen Verein für Naturkunde, Veranstaltungen mit Kulturpartnern sowie thematischen Aktionen im Museum. Eine Mediatour-App führt interaktiv durch die Ausstellung, ein begleitender Katalog erscheint ab Mitte April.

Die Ausstellung entstand als Gemeinschaftsprojekt der Naturhistorischen Sammlungen unter Leitung von Dr. Hannes Lerp in Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitenden, deren Engagement maßgeblich zur Realisierung beigetragen hat.
„GIFT — Tödliche Gaben“ lädt Besucherinnen und Besucher jeden Alters dazu ein, die faszinierende Doppelrolle von Giften neu zu entdecken – als Gefahr, Schutzmechanismus, Heilmittel und kulturelles Phänomen zugleich.
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