
Manch ein Gast des diesjährigen Neujahrsempfangs des Wiesbadener Oberbürgermeisters Gert-Uwe Mende am 17. Januar 2026 im Ratssaal verriet, den diesjährigen Jahreswechsel mit einem noch mulmigeren Gefühl begangen zu haben als den Jahresbeginn 2025. Denn zu den bestehenden seien noch neue Krisen hinzugekommen.
Genau diese Grundstimmung griff Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende in seiner Neujahrsansprache auf: Es gebe in der Tat zurzeit zu viele dunkle Schatten, zugleich aber auch Zuversicht, und man müsse eher fragen, wie Krisen überwunden werden könnten. Politik und Stadtgesellschaft könnten sich – so machte er deutlich – nur gemeinsam aus den bestehenden Krisen herausziehen. Klar wurde dabei: Verantwortung lässt sich nicht delegieren, alle sind gefragt.

Allerdings würde es den Kommunen immer schwerer gemacht, all ihren – oftmals von außen auferlegten – Aufgaben nachkommen zu können. Als Präsident des Hessischen Städtetages wisse er, dass die hessischen Städte über alle Parteigrenzen hinweg gleichermaßen mehr Geld für die Bewältigung der wachsenden kommunalen Aufgabenlast forderten, die ihnen Bund und Länder bescheren, sagte Mende. Die den Kommunen zur Verfügung gestellten Mittel seien einfach nicht ausreichend, um die den Kommunen entstehenden Leistungs- und Personalbedarfe auszugleichen. Das geltende Hessische Finanzausgleichsgesetz böte den Kommunen angesichts der wachsenden von außen gesetzten Anforderungen keine genügende Finanzausstattung.

Mit Blick auf den laufenden Kommunalwahlkampf warb der Oberbürgermeister für mehr Gelassenheit und einen respektvollen Umgang miteinander. Er sprach sich gegen Sündenbockdebatten aus und plädierte für einen wertschätzenden politischen Wettbewerb. Großen Applaus erhielt der Oberbürgermeister auch für sein klares Bekenntnis zu Wiesbaden als Stadt der Vielfalt. Damit dieser gesellschaftliche Zusammenhalt auch künftig funktioniere, sei jedoch eine leistungsfähige Infrastruktur unverzichtbar, betonte Mende.
Den Münchhausen machen!

In der anschließenden Festrede ordnete die Friedens- und Konfliktforscherin Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF), die aktuellen Krisen in einen größeren internationalen Zusammenhang ein. Sie betonte die Bedeutung von Diplomatie, strategischer Eigenständigkeit Europas und einer Abkehr von rein militärischen Lösungsansätzen. Sie selbst bezeichnete sich als „pessimistische Optimistin“. Derzeit jage jedoch eine Krise die nächste, Zeit für Entspannung und Erholung fehle. Das überfordere viele Menschen – und führe im Verlauf von Krisen häufig zu Polarisierung und einer sinkenden Bereitschaft zu Kompromissen.
Zugleich hielten sich immer weniger Staaten an internationale Regelwerke, warnte Deitelhoff. Freiheitsrechte würden zunehmend eingeschränkt, der Rückzug ins Nationale, teils auch ins Nationalistische, nehme zu – auch in Deutschland, wo demokratische Institutionen immer häufiger verächtlich gemacht würden.
„Wie lange wollen wir das noch mit ansehen?“, fragte die Friedens- und Konfliktforscherin das Publikum aus Kommunalpolitik, Wirtschaft, Kultur und Ehrenamt direkt. Europa brauche offene Märkte und ein Festhalten an der regelbasierten Ordnung. „Dafür gibt es Partner, wir sollten auf sie zugehen.“ Zugleich machte sie deutlich, dass nicht alle Probleme an die Politik delegiert werden könnten. Jeder Einzelne sei gefragt. Frei nach dem Münchhausen-Motiv müsse man sich am eigenen Schopf aus der Krise ziehen. Stattdessen zögen sich viele ins Private zurück, backten Sauerteigbrot, richteten Home-Spa-Bereiche ein oder flüchteten sich in exotische Reisen.
Den Kopf weiter in den Sand zu stecken, bringe jedoch nichts, betonte Deitelhoff. Die Gesellschaft müsse sich für Verzicht öffnen und sich darauf einstellen, dass der gegenwärtige Wohlstand auf Dauer nicht zu halten sei. Alle seien gefordert, aktiv Einfluss zu nehmen, statt abzuwarten, bis extreme Parteien das Ruder übernähmen. Engagement in demokratischen Parteien sei ein möglicher Weg. Anstelle der verbreiteten Verzagtheit brauche es eine klare Strategie. Die Bürger dürften von der Politik erwarten, dass sie ihnen etwas zumute, Verantwortung einfordere und eine überzeugende Vision für den Weg aus der Krise entwickle. Unter Applaus erinnerte Deitelhoff daran: Die Demokratie gehöre allen – und müsse auch von allen gestaltet werden.
(Dokumentation: Diether von Goddenthow – RheinMainKultur.de)
